Ich glaube nicht mehr an die Menschen. Sie haben auch nie an mich geglaubt.

Ich glaube nicht mehr an Familie, Freundschaft und Liebe. Ich glaube an so wenig, dass man mich für atheistisch halten könnte.

Aber an Gott glaube ich. Ich glaube, dass Gott ein Arschloch ist.

Als ich deswegen eine Diskussion mit unserem Religionslehrer führte, war er nicht in der Lage, mir das Gegenteil zu beweisen. Vielleicht steckt er jetzt in einer Sinnkrise. Hoffentlich. Wenn man sich sein Leben lang hinter selbstgerechten Weltbildern verschanzt, ist eine Sinnkrise das Beste, was einem passieren kann. Das wird er irgendwann selbst einsehen.

Wenn man allerdings mit 16 Jahren feststellt, dass das eigene Leben bisher aus nichts anderem als einer Sinnkrise besteht, läuft vermutlich etwas grundsätzlich falsch.

Nicht, dass diese Erkenntnis irgendetwas ändern würde. Jeder Versuch, sie an die Außenwelt zu kommunizieren, scheitert an wohlwollender Überheblichkeit.

Und weil der Ausdruck von wohlwollender Überheblichkeit in einem Gesicht in mir den Impuls weckt, hineinzuschlagen, habe ich es längst aufgegeben, mich zu diesem Thema mitzuteilen.

So spare ich mir zusätzlichen Ärger, den ich mir ansonsten durch auffälliges Aggressionsverhalten einhandeln würde.

Soweit habe ich mich dann doch unter Kontrolle, allen Zweiflern zum Trotz.

Ich erwähnte es ja bereits: Die Menschen glauben nicht an mich. Sie glauben mir nicht. Das sind zwei unterschiedliche Bedeutungen, beide treffen zu.

Ich bin 16 Jahre alt, und dies hier wird nicht meine Lebensgeschichte, sondern die Geschichte davon, wie ich sterben werde.

Mein Name ist unwichtig, aber ihr könnt mich Lily nennen. Das klingt so unschuldig und süß, und ich glaube, das war ich einmal.

Ganz sicher sehe ich immer noch so aus, aber das ist keine Absicht. Mein Gesicht entspricht durch seine pure genetische Anfertigung beinahe dem Idealbild von ästhetischer Weiblichkeit. Große Augen, kleine Nase, volle Lippen und so weiter.

Manchmal blicke ich in den Spiegel und muss grinsen. Mein Gesicht ist mit Sicherheit nicht das Abbild meiner Persönlichkeit. Im Gegenteil. Ich bin das beste Beispiel dafür, wie sehr Äußerlichkeiten trügen.

Es ist nur eines der unzähligen Dinge, über die ich den Kopf schüttle, wenn ich beobachte, wie wirklich alle Leute in meiner Umgebung dennoch andere Leute nach ihrem Aussehen beurteilen.

Ich bin mir nur nicht sicher, ob es sich dabei um Dummheit oder Faulheit handelt. Bisher bestand meine Theorie eher darin, dass die meisten Menschen einfach zu faul zum Nachdenken sind und sich mit Klischees das Leben leichter machen.

In jüngerer Vergangenheit tendiere ich immer mehr zu der Annahme, dass es größtenteils leider doch einfach mangelnde Intelligenz ist. Wenn ich diese Hypothese aber offen äußere, sind irgendwie alle immer recht schnell beleidigt, und keiner der Anwesenden findet mich mehr süß. Dabei schwingt bei mir nie ein Vorwurf mit, wenn ich jemandem mitteile, dass ich ihn für dumm halte. Denn weder ist er schuld an der Konstruktion seines Gehirns, noch bin ich es, was mein Gesicht betrifft.

Allerdings macht es das Ganze auch nie besser, wenn ich das genau so äußere: Ich kann nichts dafür, dass ich hübsch bin, und du kannst nichts dafür, dass du dumm bist.

Okay, wenn ich darüber nachdenke, klingt das wahrscheinlich tatsächlich mindestens arrogant bis hin zu arschlochhaft.

Allerdings bin ich es schon lange leid, darüber nachzudenken, was auf andere unfreundlich wirken könnte.

Es gab Zeiten, in denen bestimmte dies als oberste Priorität mein Denken und Handeln. Getrieben von der Angst, negativ aufzufallen, gab es sogar ein paar Monate, in denen ich meinen Mund gar nicht mehr öffnete. Na gut, außer zum Essen, Trinken, Gähnen, Zähneputzen und Atmen, wenn meine Nase verstopft war. Aber bestimmt nicht zum Sprechen.

Und natürlich hatte das Konsequenzen. Ich war etwa fünf Jahre alt, also in einem Alter, in dem ein infantiles Individuum der menschlichen Spezies bereits längst verbal kommunizieren sollte, um als sozial tauglich eingestuft zu werden.

Inzwischen scheiße ich auf sozial tauglich. Rein philosophisch gesehen habe ich alleine dadurch das Recht dazu, auf soziale Tauglichkeit zu scheißen, indem ich die geistige Fähigkeit dazu besitze mich dafür zu entscheiden.

Vielen Dank an diesem Punkt an das halbe Jahr Philosophieunterricht und an Kant, dessen kategorischer Imperativ sich so wunderbar auf alles abwandeln lässt.

Falls sich jemand an dieser Stelle fragt, ob ich diese meine eigene Interpretation auch im Philosophieunterricht erwähnt habe: Aber gewiss habe ich das.

Schön, dass ihr mich inzwischen bereits ein bisschen einschätzen könnt.

Mein Philosophielehrer war, das muss ich lobend erwähnen, im Gegensatz zu meinem Religionslehrer sehr darum bemüht, sachlich mit mir zu diskutieren.

Es lief dennoch darauf heraus, dass er mir das Recht absprechen wollte, mich außerhalb der menschlichen Rasse zu stellen. Offensichtlich haben wir bereits durch unsere Geburt keine andere Wahl als die, ein soziales Wesen zu sein.

Ich demonstrierte ihm das Gegenteil dadurch, dass ich ganz asozial meinen Kaugummi auf mein Pult klebte. Was ich zuvorkommend auch noch verbal unterstrich, indem ich darauf hinwies, dass wir Menschen anscheinend die einzige Gattung auf diesem Planeten darstellen, die sich bewusst für destruktives Verhalten entscheiden können. Was uns per se nicht zu automatisch sozial lebenden Lebewesen macht.

Das stellt übrigens nicht eine einfache Provokation dar, sondern ist meine tatsächliche Überzeugung.

Der Lehrer traf die Entscheidung, es als Provokation aufzufassen. Ich teilte ihm mit, dass ich diese Entscheidung natürlich respektieren würde, er sich aber darüber im Klaren sein solle, dass dies nichts weiter als sein eigenes, von Normen gesteuertes individuelles Empfinden sei und keine allgemeingültige Wahrheit.

Danach schickte er mich doch zur Direktorin.

Damals ärgerte ich mich noch darüber. Immerhin beteiligte ich mich aktiv am Unterricht, suchte die intellektuelle Diskussion und bemühte mich offensichtlich darum, konstruktive Wege der Verständigung zu finden.

So oder so ähnlich schilderte ich dies auch der Direktorin.

Ich habe nie genau verstanden, warum gerade sie mich mochte.

Nicht einmal meine eigenen Eltern mögen mich.

Sie werden dennoch Tränen über meinen Tod vergießen. Und das wird nicht einmal ein Akt der Heuchelei sein. Aber auch keiner der Trauer um meinen Verlust, sondern eine Demonstration ihres eigenen Leides.

Schließlich ist es ein hartes Los, mit einer Tochter wie mir gestraft zu sein, die dann auch noch auf eine derartige Weise ums Leben kommt.

Genau jetzt ist der Moment da, in dem ich dabei bin zu sterben. Aber das, was ich euch erzählen will, hat bereits lange, lange davor seinen Anfang genommen.

Ich bin mir gerade nicht ganz sicher, zu welchem Zeitpunkt es klar war, dass mein Schicksal unausweichlich auf heute zusteuern würde.

Vielleicht war es der Tag, an dem ich aus der Grundschule flüchtete und versuchte, in unserem Dorfwald zu leben.

Vielleicht war es der Tag, an dem ich die zehn Frösche ausweidete und an das Scheunentor nagelte.

Vielleicht war es auch erst der Tag, an dem ich Finn traf.

Ich glaube tatsächlich, es begann bereits in dem Moment, in dem sich die Eizelle meiner Mutter und das Spermium meines Vaters trafen und beschlossen, ein Monster zu zeugen.

Aber erst ab dem Moment, in dem ich Finn traf, begann sich der unbestimmte Nebel zu einem klaren Pfeil zu verdichten, der in eine bestimmte Richtung zeigte.

Und ich folgte nur allzu willig.

Ja, der Tag, an dem ich Finn traf, ist ein guter Anfang.