Wir haben schon einiges zusammen erlebt. Alles, um genau zu sein. Selbst den Moment unserer Geburt, auch wenn wir uns beide nicht mehr daran erinnern können, obwohl sie das manchmal behauptet. Aber sie behauptet viel.
Den Moment unseres Todes haben wir noch vor uns, und wir wissen beide, dass er entweder weit entfernt auf einem langen Weg liegt oder dass wir morgen schon darüber stolpern werden. Wir ziehen es vor, nicht darüber nachzudenken, sondern Hand in Hand weiterzugehen, egal wie lange noch.
Wir werden alleine geboren und wir sterben alleine, sagt man, und mit etwas Glück ist ein bisschen Liebe dazwischen und das Gefühl, nicht allzu einsam zu sein.
Ich habe mich manchmal schon so einsam gefühlt, dass da nur noch Glasscherben in meiner Brust waren und eine Mauer aus Stille um mich herum. Dann war sie da. Sie ist diejenige, die auch dann lacht, wenn ich eigentlich vergessen habe, wie das geht.
Sie schmiert einfach Butterbrote, wenn ich am Weltschmerz würge. Und sie dreht die kalte Dusche auf, damit ich wieder nüchtern werde, wenn ich am Elend ersaufen will.
Manchmal kann ich sie nicht leiden, mit ihrem pragmatischen Übermut, eine lange Zeit habe ich sie sogar verachtet. Aber inzwischen bin ich mir sicher:
Irgend ein netter Engel hat sie mir auf die Erde mitgegeben, damit ich nicht gänzlich an der Welt oder die Welt an mir verzweifeln muss.
Und aus irgendeinem Grund, es muss das Alter sein, sind wir uns immer öfter einig. Das macht mehr Spaß als ich dachte. Und so lange sie mich immer noch Kleider aus weißer Spitze tragen und mich mit Kerzen, Fernweh und Seufzern spielen lässt, solange darf sie in schmutziger Unterwäsche Gewichte stemmen und zynisch sein.
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2 Kommentare

Thomas Avisitor · Oktober 28, 2022 um 4:14 pm

Dass man im Zusammensein sehr einsam sein kann. Ich manchmal neidisch bin, wenn Leute befragt zu ihrem Lebensweg überzeugend sagen: Ja, ich würde alles genauso wieder tun. Auf mich trifft das nämlich definitiv nicht zu. Bin ich anders, ein Nachtschattengewächs womöglich, gehöre ich einer Minderheit an? Obwohl ich im Leben viel Spaß hatte, bin ich tief in meinem Innersten sehr unglücklich. Gibt es auf meiner Seele sehr dunkle Flecken, die auch das beste Waschmittel der Welt nicht auswaschen kann.

    Hanna-Linn Hava · November 29, 2022 um 7:25 am

    Ich mag Nachtschattengewächse. Und ich traue Menschen nicht, die derart überzeugt von der Unfehlbarkeit ihrer Entscheidungen sind. Aber ich wünsche dir dennoch von Herzen, dass das Glück dich immer wieder küsst…

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