Im Sommerland haben sich schon viele verirrt, sagt die alte Frau. Wenn sie überhaupt alt ist. Schwer zu erkennen bei all der glattgespritzten Haut auf einem Schädel, der 20 Jahre alt sein könnte oder auch 200. Ich würde ihr beides zutrauen, aber irgendetwas in ihrer Stimme verrät, dass sie schon mehr volle Monde gesehen hat als es Sekunden in der Stunde gibt.
Du wirst dich auch verirren, fährt sie fröhlich fort. Ihre Augen sind stechende kleine Punkte, die dem Mund darunter nicht glauben, wenn er lächelt.
Ich beschließe, ihr auch nicht zu glauben. Wahrsagerinnen, die etwas taugen, sollten keine Perücke und Plastikfingernägel tragen. Oder etwa doch?
Die Weisheit trägt nicht immer einen Mantel aus schadstofffreier Baumwolle und das Gesicht der Unschuld.
„Wer ist schon unschuldig?“, bemerkt die sehr alte oder junge Frau verächtlich. „Du nicht!“
Ich werfe wortlos ein paar Münzen in ihre aufgespreizte Handtasche aus vergilbter Schlangenhaut und ziehe meine Schuhe wieder an.
„Du hast etwas vergessen“, ermahnt sie mich.
Ich werfe eine Erinnerung aus meiner Kindheit hinterher. Verschwendet, denke ich, und schreite durch die Türe, die hinter mir verschwindet, als wäre dort nur immer schon nur eine Wand gewesen, und dann laufe ich los und verirre mich umgehend im Sommerland, mit seinen heißen, dunklen Gassen, die auch nachts noch voller Stimmen sind, obwohl niemand zu sehen ist außer mein Spiegelbild in schwarzen Scheiben hinter denen nur nackte Puppen wohnen.
Ich seufze tief. Auf meinen Armen beginnen zarte, silberweiße Schuppen zu wachsen. Und das Salz in der warmen Luft verrät mir: Hinter all den Gassen wartet bereits, ruhelos und ewig, das Meer.
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Kategorien: Tagebuch

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