Das Tier mit dem weichen Fell blickt mich aus käferschwarzen Augen an.
„Ich bin dein Krafttier“, sagt es.
Keine Begrüßung, keine Vorwarnung.
„Ach“, antworte ich also.
„Wie jetzt, ach“, sagt es, und sein Näschen rümpft sich verächtlich, „mehr nicht? Keine freudige Überraschung? Jubelschreie? Umarmungen?“
Anscheinend fehlt es meinem Krafttier wenigstens nicht an gesundem Selbstbewusstsein.
„Naja, ich hatte mit etwas Größerem gerechnet“, erkläre ich vorsichtig, „vielleicht eine Tigerin oder so…“
„Bescheiden bist du ja nicht gerade!“, sagt das Geschöpf, von dem ich immer noch nicht weiß, was es überhaupt sein soll.
„Du aber auch nicht“, entgegne ich. „Dabei bist du nur ein winziges, plüschiges Nagetier!“
Es legt den Kopf schief, wodurch es noch niedlicher wirkt und macht ein sehr unniedliches Geräusch.
„Nagetier? Warum hält mich eigentlich jeder für ein Nagetier? Ich töte Nagetiere, das tue ich!“, empört es sich. „Alle Arten von Nagetieren! Mäuse, Kaninchen, Kühe, Elche, erlege ich alles ohne zu Zögern!“
„Kühe und Elche?“, frage ich mit einem Stirnrunzeln nach.
„Die nagen auch Gras. Ich mach da keine Unterschiede.“
Es putzt geschäftig seinen buschigen Schwanz.
Ich räuspere mich. „Also, auf die Gefahr hin, dich zu beleidigen, aber du bist einfach nur sehr klein und sehr, sehr süß!“
Die schwarzen Augen werden schmal und so, als könnte ein Feuer in ihnen lodern.
„Das hat bisher niemand zweimal zu mir gesagt!“
Irgendwie glaube ich das sogar sofort.
„Weil ich jedem, der das gesagt hat, die Kehle auf – und die Halsschlagader herausgerissen habe!“, fährt es zufrieden fort.
„Jaja, das habe ich schon so verstanden“, beeile ich mich zu sagen.
„Und manchmal habe ich mich dann noch durch den offenen Hals ins Gehirn durchgebissen“, macht es munter weiter, „also nicht, weil es nötig gewesen wäre, einfach nur so aus Spaß!“
Ich habe also offensichtlich ein mindestens leicht größenwahnsinniges, schrecklich süßes, gewissenlos blutrünstiges Krafttier. Aber das denke ich nur.
„Darf ich dich wenigstens einmal streicheln?“, frage ich.
„Klar!“ Es hält mir sein Köpfchen hin.
Sein Fell ist wirklich irrsinnig weich.
close

Newsletter!

Wenn du dich hier einträgst, erfährst du immer alles.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Kategorien: Tagebuch

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.