Immer wenn es mir schwer fällt, das Richtige zu tun, denke ich an ihn.
Wer auf die abwegige Idee kam, ihn Beethoven zu nennen weiß ich nicht mehr, denn er war das Gegenteil von musikalisch virtuell.
Das erste, was ich von ihm sah, war ein Haufen zerlumpter Flaumfedern in flehentlichen Kinderhänden. Ich seufzte tief, weil ich ahnte, was auf mich zukam, aber ich ahnte nicht, wie schlimm es werden würde.
Natürlich wollte ich kein verlassenes Amselküken aufziehen. Natürlich tat ich es dennoch. Es war das Richtige, und es war nicht ganz leicht, aber schwer war es noch nicht.
Es bedeutete, einem beinahe toten kleinen Ding Zuckerwasser in den schmutzigen Schnabel zu träufeln, bis es wieder lebendig genug war, um sein erstes Piep von sich zu geben.
Von da an piepste es ständig, und ich antwortete immer.
Zuerst kam das Piep schwächlich aus der gepolsterten Schuhschachtel, später vom Gartentisch, und irgendwann aus den Büschen. Ich antwortete.
Und hielt Bällchen aus eingeweichtem Zeug bereit, die Beethoven liebte und die aus ihm inzwischen fast so etwas wie einen Vogel gemacht hatten.
Jedenfalls konnte er fliegen, und als er an einem Morgen nach seinem Piep angeflattert kam, um sich sein Frühstück abzuholen, war da auf einmal der dicke Nachbarskater, der träge seine Krallen ausstreckte. Ich hatte noch nie beobachtet, wie er etwas gejagt hatte, wahrscheinlich war es nicht mehr als das Zucken eines degenerierten Instinkts.
Er schlitzte mit einem Tatzenhieb Beethovens Bauchsdecke auf. Der flatterte weiter bis in die alte Eibe, wo er am liebsten saß, und sagte Piep. Beinahe verwundert.
Ich sah, wie seine Eingeweide als kleine Regenwürmer aus ihm herausquollen. Und etwas in mir wurde so kalt wie ein Schwert im Schnee. Er durfte nicht sterben. Er war beinahe fertig, beinahe frei, beinahe so weit, abends auf dem höchsten Ast im Garten leidenschaftliche Lieder zu singen.
Und ich war kurz davor, das Falsche zu tun. Blinde Rettungsaktionen, stundenlanges Autofahrten, Sitzen in Wartezimmern von Kliniken, wo niemand Zeit für sterbende Amseln hatte. Amseln sind das Unkraut unter den Vögeln.
Aber ich wollte, musste etwas tun. Ich konnte Beethoven nicht einfach beim Sterben zusehen. Piep, fragte er. Er verstand nicht, dass er starb.
Ich antwortete. Und dann setzte ich mich zu ihm unter die alte Eibe und sah ihm beim Sterben zu.
Wir saßen dort bis abends. Mir rann Wasser übers Gesicht, aber ich saß dort und antwortete. Auf jedes Piep. Reichte ihm seine Futter, wenn es an der Zeit war. Und war einfach nur da. Und einfach nur da zu sein war schwerer als alles andere.
Als er irgendwann sanft umkippte und in meine Hände fiel, war sein letztes Piep so schwächlich wie sein erstes. Aber ich glaube, er war zufrieden.
Und heute noch, wenn es mir schwer fällt, das Richtige zu tun, weil es so leicht wäre, das Falsche als das Richtige zu tarnen, dann denke ich an ihn.
Und daran, dass auch das kleinste Leben einen Wert hat. Aber das wisst ihr ja schon.
close

Newsletter!

Wenn du dich hier einträgst, erfährst du immer alles.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.